Ion de Montclair – Ein Vorwort

Sie kennen jeden Weg, jeden Stein im Weg, jeden Strohhalm am Wegesrand, viele Geschichten rund um die Region Saarschleife. Sie sind mit Saarwasser getauft, diese Helzba Jungen aus der ruhigen Zeit, zu denen auch Ion gehört. Geboren am Rande der Nachkriegszeit im noch recht neuen "V&B-Krankenhaus" in Mettlach, katholisch getauft in der direkt daneben liegenden St.-Josef-Kapelle und ebenda mitversorgt durch die Muttermilch unserer Nachbarin aus Saarhölzbach, "Helzbisch", wie wir sagen. Die Mutter war erst ein Jahr zuvor mit dem älteren Bruder niedergekommen und geriet daher mit der Bildung des nahrhaften Saftes arg in Rückstand. Der, mit dem ich die Tagesrationen teilte, ist leider schwer erkrankt. Er weiß nicht, dass ich oft an ihn denke und ihm sehr die Daumen drücke, dies zu überstehen.

Vielleicht wegen dieser unorthodoxen Nutrition in der "oralen Phase", ist und lebt er etwas anders, der Ion. Sein Leben schlängelte sich um manch hinderliche Kurve, ganz in Anlehnung an die Saarschleife. Es muss jedenfalls einen Grund dafür geben ... Mithilfe dieser Internet-Seiten schaue ich nun dennoch recht zufrieden darauf zurück, erzähle und erfinde, dichte und denke. Dazu habe ich - also Ion - diese Seiten in die vorliegenden Rubriken gegliedert, um spontan sein zu können, zu erzählen wie es war und wie es wurde, sobald Gedanke oder Erinnerung sich einstellen.

Besonders verbunden fühle ich mich jenem Buckel, dem Rücken der Saarschleife, auf dem auch die Burg Montclair steht, die mir nie gehört hat, aber die - einhergehend mit der Frage "was war hier wann und wie" - immer meine Fantasie stark beflügelt hat, mich für Geschichte, Vor- und Frühgeschichte, Legenden und Erzählungen begeisterte. Sie war meine Burg. Ihr und bestimmten Umständen verdankt die Welt nun meinen Fremdnamen, das Alias "Ion", sowie das Pseudonym "de Montclair". Der Name Montclair ist frei, das Geschlecht derer von Montclair längst mangels männlicher Nachkommenschaft ausgelöscht. Also nehme ich den Namen an, ohne anderen zu schaden. Es gibt in den USA zwei Städte, die Montclair heißen, in New Jersey (ganz in der Nähe von NYC) und in Kalifornien (in der Nähe von LA). Sie seien als Namensvetter gegrüßt.

 

Ein weiteres starkes Element der Erinnerung sind die Erzählungen der "Onkel" und "Tanten" aus der kleinen Wohnküche meiner Oma mütterlicherseits, deren Mann, mein Opa, "im Krëisch gebliff"  ist. Sie alle haben den 2. Weltkrieg, das Grauen und das Braune erlebt. So auch meine Eltern, als Kinder oder Jugendliche. Meine Mutter ist nun hoch betagt. Und der, an den sie glaubt, soll ihr noch viele Tage bei guter Gesundheit in unserer lieben Familie gewähren. Das ist wohl das Mindeste, was ich von ihm erwarten darf. Doch seit meiner Geburt hat sich vieles verändert. Auch das soll beleuchtet und aufgearbeitet werden. Dies für die besten Enkel der Welt und alle, die diese Zeit nicht kannten oder woanders leben mussten.

Seit über 40 Jahren lebe ich nicht mehr in diesem Dorf, spreche im Alltag eine andere Sprache, die mich nicht als Saarländer oder gar Moselfranken ausweist: "streifenfreies" hochdeutsch. 20 Jahre davon habe ich bei unseren französischen Freunden verbringen dürfen und lebe nun auf einem ruhigen Flecken im Westrich.  Lange schon denke ich nicht mehr auf moselfränkisch. Doch beim Fluchen ist es wieder da, ob leise oder laut. Verräterisch, aber sicher ein Hinweis auf die tiefen Wurzeln.

Beim Einchecken auf dem Gymnasium wurde mir bereits am ersten Schultag klar, ich kann kein Hochdeutsch, ich verstand es. Der Finger blieb drei Jahre unten und unter Mitarbeit fand sich daher auf dem Zeugnis folgerichtig eine satte 6.  Ich schämte mich dafür. Dann ging ein Ruck durch die moselfränkische Schädelkonfiguration und ich wollte es können, hochdeutsch. Hilfreich beim "Hochdeutscheln" war und ist mir ein leichter "Schetismus", so die Bezeichnung für eine Fehlbildung des Lautes /sch/ [ʃ] und die gehört zum Störungsbild der Dyslalie. Der /sch/-Laut gehört ebenso, wie der /s/-Laut, in die Gruppe der Sibilanten oder Zischlaute und damit zu der Lautklasse der Reibelaute (Danke Wikipedia). Ich kann gar kein "saarländisches Isch", bei mir wird daraus ganz von selbst ein feines hochdeutsches "Ich". Daher an dieser Textstelle die Empfehlung an das saarländische Kultusministerium, den Schetismus in den Deutschunterricht aufzunehmen. Im Übrigen sagen die Moselfranken "Eisch" zu "Ich". Jedenfalls die Älteren der Spezies.

 

Zu meinem Fremdnamen gilt zu erwähnen, das er, "Ion", eine baskische und rumänische Form von John, einer kurze Variante von Johannes oder Johann ist. Außerdem ist Ion ein Name aus der griechischen Mythologie (der Stammvater der Ionier). Ion bedeutet “Gott ist gütig” und “Gott ist gnädig” (von hebräisch “jô/יֹו” = bezieht sich auf den hebräischen Namen Gottes + “chanan/חָנַן” = gnädig sein/sich erbarmen). Genauso möchte ich gnädig auf die schöne, etwas raue, aber von engen familiären Banden geprägte Adoleszenz in einer Welt schauen, die heute nicht mehr existiert. Der männliche Vorname Ion ist in Deutschland unter 10.000 nur 1-mal vertreten, ist also als eher selten anzusehen und daher auffällig. Das kann nicht schaden.

Das "Ionisches System", benannt nach jenem griechischen Stamm der Ionier, ist als Ausgangspunkt der Funktions-Harmonielehre für alle Musiker von hoher Bedeutung, selbst wenn sie es nicht kennen. Es ist von Heinrich Loriti  (Glarean, Dodekachordon) bereits 1547 in die klassische Musiktheorie eingeführt worden. Er hat's erfunden. Er war Schweizer. Daraus wurde das Dur/Moll-System. Diese System ist für mich Alltags-bestimmend, so kann ich mich getrost so nennen.

 

Letztendlich aber hat die Welt diese Zeilen und ihre Folgen dem Corona-Geschehen zu verdanken. Es blieb und bleibt mir ein wenig mehr Zeit zu reflektieren. Ich nutze sie. Wer nette Begebenheiten rund um die Region kennt, mag sie mir mitteilen. Genauso offen bin ich für Kritik und andere Meinungen.

 

Vielleicht findet ja die Eine oder der Andere gefallen. Mich würde es freuen und damit ein herzliches

 

"Haalt Eesch monndta"

 

de Monclair